Alpensteinbock (Capra ibex)

Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Familie: Hornträger (Bovidae)

Alpensteinbock 
Foto: Markus Stähli

 

Merkmale

Der gedrungene Körperbau mit stämmigen, kurzhufigen Beinen, kurzem Schwanz, verhältnismässig kurzem Kopf mit aufgewölbter Stirn zeigt deutlich die Ziegenverwandtschaft. Steintiere sind ausgesprochen gut angepasst an das Klettern in steilem Fels. Die hartrandigen und gut spreizbaren paarigen Hufe ermöglichen einen guten Halt auf abschüssigem Fels und wirken wie Schneeschuhe im tiefen Schnee. Die Geissen werden 40 bis 50 kg, die Böcke bis zu 140 kg schwer. Bei allen Bovidenarten tragen sowohl Weibchen wie Männchen Hörner. Die des Steinbockes können bis zu einem Me ter, die der Steingeiss bis etwa 30 Zentimeter lang werden. Weil Hörner nicht wie bei Cerviden jährlich abgeworfen werden, sondern lebenslang weiterwachsen, bilden sich während des Wachstumsstillstands im Winter Jahrringe, die die genaue Altersbestimmung ermöglichen. Beim Bock kann aufgrund der markanten Knoten des Gehörns, von denen in der Regel zwei pro Jahr gebildet werden, das Alter auch auf Distanz relativ genau geschätzt werden (Anzahl Knoten dividiert durch 2 plus 1=Alter). Das im ersten Lebensjahr gebildete Kitzgehörn wird mit  zunehmendem Alter immer mehr abgeschabt und ist an den Hörnern alter Tiere kaum mehr feststellbar. Das aus 32 Zähnen bestehende Dauergebiss trägt im Oberkiefer wie bei allen Wiederkäuern keine Schneidezähne. Bau, Form und Stellung der Zähne sind grundsätzlich gleich wie bei der Gämse. Das dichte, raue Fell trägt im Winter längere Haare und eine dichtere Unterwolle als im Sommer. Während des Frühlings fallen die Haare in grossen Büscheln aus, wenn der Steinbock sich an Zwergsträuchern und am Boden kratzt und schürt. Die Neubildung des Haarkleides erfolgt einmal im Jahr und beginnt im Sommer. Bis in den Spätherbst wachsen auch die Woll- und Deckhaare des Winterfells durch die Sommerhaare hindurch. Im Sommer ist das Fell braun- bis rötlichgrau, im Winter etwas heller, fast gelblichgrau.

 

Biologie

Beim Alpensteinbock dauert die Jugendentwicklung länger als bei Gämse oder Rothirsch. Steingeissen erreichen die volle körperliche Entwicklung mit etwa fünf Jahren, Steinböcke mit etwa acht Jahren. Die zehn- bis zwölfjährigen Böcke dominieren das Brunftgeschehen. Der Zeitpunkt der Geschlechtsreife ist keine fixe Grösse und hängt von der Populationsgrösse und den herrschenden Umweltbedingungen ab. Sie kann aber bereits mit eineinhalb Jahren eintreten. Die Brunftzeit liegt von Ende November bis Anfang Januar. Nach einer Tragzeit von durchschnittlich 167 Tagen wird zwischen Ende Mai und Mitte Juni ein Kitz mit einem Gewicht von rund 3 kg gesetzt. In dem felsigen, steilen Gelände klettert das Kitz bereits nach wenigen Tagen seiner Mutter nach. Böcke leben das Jahr über in gesonderten Bockrudeln.

Die nahe Verwandschaft von Steinbock und Ziegen zeigt sich auch darin, dass Hausziegen-Alpensteinbock-Hybriden lebens- und fortpflanzungsfähig sind. Steinwild ernährt sich zu jeder Jahreszeit zu über 80% von Gräsern, Binsen und Seggen, ist also ein ausgeprägter Raufutterfresser. Alpine Zwergsträucher, Flechten sowie Nadelbäume werden auch im Winter beäst, Rindenschälung an Waldbäumen ist vom Steinwild nicht bekannt. Der Steinbockpansen ist wie bei allen Gras-Wiederkäuern verhältnismässig gross und vermag rund 30 Liter zu fassen. Der Verdauungstrakt ist auf schwer verdauliche Zellulosenahrung eingerichtet. Eingetrocknete, mit Haaren verfilzte Bestandteile bilden im Labmagen gelegentlich die sogenannten Bezoar kugeln, ovale, leicht abgeflachte Gebilde. Diesen wie auch den Lungen, Herzknochen (verknöcherten Sehnen der Herzmuskulatur), den Hörnern und anderen Körperteilen wur den früher Heilkräfte zugeschrieben, was hauptsächlich zur Beinaheausrottung dieser Wildart beigetragen hat.



Die Grafik zeigt die Bestandsentwicklung und die Abschüsse in der Steinwildkolonie Falknis auf Graubündner und Liechtensteiner Seite. Der Steinwildbestand in der Falkniskolonie wuchs bis 1989 aufgrund guter natürlicher Bedingungen und fehlender Bejagung stetig an bis auf den gewünschten Bestand von gut 100 Tieren. Um einen überhöhten Bestand zu verhindern, wurde durch eine zuerst vorsichtige, danach gesteigerte Bejagung der Bestand reguliert und damit der Kapazität des Lebensraumes angepasst. (Amt für Jagd und Fischerei Graubünden)

 

Verbreitung

Die heutige Verbreitung des Alpensteinbockes umfasst den gesamten Alpenbogen von den südfranzösischen Alpen über die Schweiz, Norditalien, Liechtenstein, Österreich und Slowenien. Bis zum 19. Jahrhundert führte die übermässige Bejagung zur Beinahe-Ausrottung dieser Tierart. Nur im Gebiet des heutigen Nationalparks Gran Paradiso in Italien überlebte unter dem Schutz des damaligen Königs eine Population, von deren Grösse keine genauen Überliefe rungen vorliegen. Ab 1906 erfolgten die ersten Lieferungen von Steinkitzen aus diesem Gebiet in die Schweiz in den St. Galler Tierpark «Peter und Paul» – auf nicht immer offi ziel len Wegen. 1911 erfolgte mit zwei Böcken und drei Geissen die erste Koloniegründung der Schweiz im Gebiet «Graue Hörner» im St. Gallischen Weisstannental (MEILE ET AL. 2003). Ab 1920 konnten die ersten Steinböcke innerhalb der Schweiz eingefangen und in andere Gebiete versetzt wer den. Die in Liechtenstein vorkommenden Steinböcke sind Tiere aus der bündnerischen Falkniskolonie. Diese wurde durch verschie dene Aussetzungen zwischen 1958 und 1972 im angren zen den Graubünden und Vorarlberg begründet. Im ersten Bericht der Botanisch-Zoologischen Gesellschaft Liechtenstein-Sargans-Werdenberg wurden unabhängig von einander die ersten Exemplare auf Liechtensteiner Boden gemeldet und zwar durch Andreas Frommelt, Vaduz (zwei Exemplare am 13.8.1971) und Walter Wachter, Schaan (vier bis sechs Exemplare ca. drei Wochen vorher) (BZG-Bericht 1971). Vor allem im Sommer steht ein Teil der Falknispopulation auf Liechtensteiner Gebiet zwischen Mittagspitz und Naafkopf. Das übrige Berggebiet Liechtensteins ist wenig geeignet als Steinwildlebensraum. Im Herbst 1989 wurde zum ersten Mal ein Steinbock auf der offiziellen Jagd in Liechtenstein (Lawenatal) erlegt. Seither erfolgt die Bestandserfassung und Abschussplanung in Absprache mit den Behörden des Kantons Graubünden.

Aus der Forschungstätigkeit des Schweizerischen Nationalparks: Aufenthaltsgebiete Steingeiss und Steinbock


Das Verbreitungsgebiet des Alpensteinbocks beschränkt sich auf das Gebiet zwischen Mittagsspitze und Naafkopf.

 

Lebensraum

Im Sommer hält sich das Steinwild gerne in Hochgebirgsgegenden auf, die eine weit hinaufreichende Zone alpiner Matten und schutzbietender Felsgebiete aufweisen. Diese Lebensraumqualitäten müssen möglichst grossräumig  vorhanden sein und den Zusammenschluss zwischen benachbarten Populationen ermöglichen und optimalerweise zwischen 2500 und 3000 m ü. M. liegen. Für diese Qualitäten eignet sich in Liechtenstein gerade noch die nördliche Gebirgskette am Falknis. Liegen die Steinwildgebiete unterhalb dieser Höhe wird der alpine Weidegürtel bis zur Waldgrenze hinab zu schmal und es entsteht eine Konkurrenz mit dem Alpvieh und den Gämsen. Die Wintereinstände liegen in der Regel in tieferen Lagen als die Sommereinstände. Im Winter überlebt das Steinwild vor allem durch das Einsparen von Energie, wofür ruhige, nach Süden exponierte Flanken erforderlich sind, an denen der Schnee schnell schmilzt oder abrutscht und immer Nahrung bereit hält und die gleichzeitig Wärme und Schutz bieten. Im ausapernden Frühjahr zieht das Steinwild gerne in tiefer gelegene aufgelockerte Nadelwälder und Maiensässe und zieht mit der zurückweichenden Schneegrenze hinauf in die Sommereinstände.

 

Gefährdung und Schutzmassnahmen

Steinwild wird in Liechtenstein zurückhaltend und in Absprache mit dem Kanton Graubünden bejagt. Die Falknispopulation ist nicht gefährdet und entwickelt sich gut. Aussetzungen von Steinwild in anderen Landesteilen wären auf grund ungeeigneter Lebensräume nicht sinnvoll. Durch die wissenschaftlich begründete Jagdplanung ist der Bestand des Steinwildes einfach zu regulieren.

Michael Fasel

Quelle: Regierung des Fürstentums Liechtenstein (2011): Naturkundliche Forschung im Fürstentum Liechtenstein, Band 28