Gämse (Rupicapra rupicapra)

Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Familie: Hornträger (Bovidae)

Gams 
Foto: Markus Stähli

 

Merkmale

Gämsen sind sehr robust, ertragen auch hohe Schneelagen gut und waren in der Vergangenheit im Alpengebiet nie so stark reduziert oder fast ausgerottet worden wie die anderen Huftierarten. Die Gämse ist wie der Alpensteinbock ein Rudeltier und eine Charakterart des Hochgebirges, hält sich aber in der Regel in tieferen Lagen auf als der Steinbock,  wobei sich deren Aufenthaltsgebiete je nach Jahreszeit überschneiden. Ein kurzer, kräftiger Körperbau mit relativ langen,  kräftigen Beinen und stumpfen paarigen Hufen («Schalen») zeichnet die Gämse aus. Die Hufe weisen scharfe Kanten und weiche Sohlenpolster auf, die einen optimalen Halt im steilen Fels ermöglichen und durch starke Spreizfähigkeit das Versinken im tiefen Schnee verhindern. Die Beingelenke bilden spitze Winkel, was das weite Springen und Abfedern in steilem Gelände unterstützt. Bei allen Boviden arten tragen sowohl Weibchen wie Männchen Hörner («Kruken»). Die des Gamsbockes sind etwas stärker gebaut und an der Spitze stärker gekrümmt als diejenigen der Gams geissen. In der Länge der Hörner bestehen kaum Unter schiede. Weil Hörner nicht wie bei Cerviden jährlich abgeworfen werden sondern lebenslang weiterwachsen, bilden sich während des Wachstumsstillstands im Winter Jahrringe, die die genaue Altersbestimmung am toten Tier ermöglichen. Der Bock ist rund 10% bis 20% grösser als die Geiss. Das Körpergewicht eines lebenden Bockes beträgt 35 bis 50 Kg bei der Geiss sind es 25 bis 40 Kg. Vor allem im dunkelgrauen bis fast schwarzen Winterfell mit den langen «Bart»-Haaren am Rücken, wirkt der Bock sehr imposant. Das von Juni bis August getragene kurzhaarige Sommerfell von Geiss und Bock ist gelblich-braungrau. Stirne und Wangen bis zum Halsansatz sind gelblich-weiss gefärbt. Zwischen Stirne und Wangen zieht sich ein dunkles Haarband vom Krukenansatz bis zum Mund. Das Gamsfell mit seiner dichten Unterwolle isoliert im Winter so gut, dass darauf liegender Schnee durch die Körperwärme nicht schmilzt. Eine Besonderheit des Gamsgebisses ist die Härte und Dauerhaftigkeit der Backenzähne. Während bei Cerviden mit zunehmendem Alter eine starke Abnützung der Zahnkronen deutlich sichtbar ist, wird bei Gämsen mit zunehmendem Alter die Zahnkrone im Kieferknochen angehoben, sodass die Zähne praktisch immer gleich hoch erscheinen und auch in hohem Alter eine gute Nahrungsaufnahme und damit einen Fortpflanzungsvorteil ergeben. Das aus 32 Zähnen bestehende Dauergebiss trägt im Oberkiefer wie bei allen Wiederkäuern keine Schneidezähne.

 

Biologie

Gämsen bewohnen felsdurchsetzte Gebiete oberhalb und unterhalb der Waldgrenze. Sie sind Wiederkäuer und ernähren sich ähnlich wie der Steinbock zur Hauptsache von Gräsern. Der Unterschied zwischen den beiden Wildarten besteht darin, dass die Nahrung der Gämsen im Sommer mehr Kräuter enthält und deutlich eiweisshaltiger ist als beim Steinbock, welcher mehr rohfaserhaltige Nahrung aufnimmt. Im Winter nimmt der Gehalt an Nadel- und Laubbäumen in der Nahrung des Gamswildes zu, was je nach Waldgesellschaft zu Schäden führen kann. Bezoarkugeln – unverdauliche, mit Haaren verfilzte ovale Gebilde – können ähnlich wie beim Steinwild auch im Labmagen des Gamswildes vorkommen. Gämsen verteidigen für sich selber immer einen gewissen Freiraum von einigen Metern, weshalb Einzeltiere auch innerhalb des Rudels immer einen bestimmten Minimalabstand zueinander einhalten, der nur zwischen Kitz und Muttertier unterschritten wird. Die Rudel bestehen ausserhalb der Brunftzeit vorwiegend aus Weib chen, Jährlingen und Kitzen, die von einer Leitgeiss an ge führt werden. Der hohe Anpassungsgrad an das Gebirgsleben wird unterstrichen durch die hohe Dichte roter Blutkörperchen, die beim Gams 12 Millionen pro mm3 Blut betragen, beim Menschen sind es 4,5 Millionen pro mm3. Die Brunftzeit findet im Spätherbst von Ende Oktober bis Anfang Dezember statt.

Die Böcke, die den Sommer über in Bockrudeln vereint waren, bekämpfen sich während der Brunft in kräfte zehrenden langen Verfolgungsjagden, die auch tödlich enden können. Während der Brunftzeit markieren die Böcke mit den sogenannten «Brunftfeigen», zwei hinter den Kruken liegenden Drüsen ihr Territorium.

Gams
Die Gämse ist ein ausgezeichneter Kletterer. (Foto: Markus Stähli)

 

Verbreitung

Das Gamswild hat in den Alpen sein grösstes zusam men hängen des Verbreitungsgebiet. Im Schweizer Jura existieren einige eingesetzte kleinere, isolierte Populationen. In an deren europäischen Gebirgsgegenden und auf dem Bal kan leben verschiedene Unterarten der alpinen Nominat form. In Neuseeland wurde die Alpengämse vom Menschen eingeführt. Das Berggebiet Liechtensteins liegt an der nördlichen Verbreitungsgrenze der Gämse in den Alpen. Rund 600 bis 700 Gämsen besiedeln das Liechtensteiner Berggebiet. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt entlang der Gebirgskämme im Bereich der Waldgrenze, die grösstenteils durch die Schaffung von Alpweideflächen deutlich unter die natürliche Waldgrenze abgesenkt worden ist. Tiefer gelegene Weide und Mähwiesengebiete wie z.B. auf Profatscheng oder felsdurchsetzte Waldgebiete der Tieflagen wie am Leckata Stein am Maurerberg und an der Mittagspitz, werden ebenfalls gerne vom Gamswild aufgesucht.


Die Gämse ist in den ganzen Hochlagen verbreitet.

 

Lebensraum

Sicherheit, Nahrung und Temperatur sind wichtige Faktoren, die ein guter Gamslebensraum erfüllen muss. Alpweideflächen, Zwergstrauch- und Legföhrengebiete werden vom Frühling bis in den Spätherbst bevorzugt. Schattige Felsgebiete und spät ausapernde Schneefelder werden im Sommer zur Kühlung aufgesucht, weil aufgrund der Raufutteräsung eine intensive Wärme produzierende Verdauungstätigkeit vorhanden ist, die die Gämse bei sommerlichen Aussentemperaturen in einen Hitzestress versetzen kann. Im Winter stehen die Gämsen meist in den oberen Waldlagen ein. Sonnige, steile Lagen, wo der Schnee schnell ausapert oder abrutscht, sind beliebt.

 

Gefährdung und Schutzmassnahmen

Da die durchschnittliche Gipfelhöhe der Liechtensteiner Berge nur rund 200 bis 300 Höhenmeter über der natürlichen Waldgrenze liegt, steht den Gämsen bloss ein relativ schmales Band alpiner Wiesenflächen zur Verfügung, das zudem vom Alpvieh und vom Rotwild genutzt wird, was zu einer ungenügenden Nahrungsversorgung führen kann. Gleichzeitig konzentriert sich in diesen Gebieten der alpine Wandertourismus, was sich zeitweise als Störfaktor äussert und das Gamswild in seinem Tagesablauf beeinflusst oder es in die tiefer liegenden Waldflächen vertreibt, was zu Schäden führen kann. Schneeschuhläufer und Variantenskifahrer können die Tiere im Winter in ihren Einstandsge bieten aufscheuchen und zu einer Energie zehrenden Flucht führen. Die Einrichtung von Ruhezonen oder Jagdverbotsflächen in dafür geeigneten Gebieten sind in einer solchen Situation wichtig. Natürliche Feinde wären vor allem Luchs, Bär und Wolf. Die Gämse wird heute jagdlich reguliert. Dazu wird der Bestand in Liechtenstein jährlich überwacht und darauf aufbauend die zum Abschuss freigegebene Zahl der Tiere ermittelt. Bei der Jagd muss darauf geachtet werden, dass nicht die dominanten Leitgeissen der Rudel erlegt werden, die meist auch attraktive Trophäen tragen.

Michael Fasel

Zähldaten Gämse
Zähldaten (gesehene Stücke) der Gamsbestände
im Liechtensteiner Berggebiet (Bargella, Guschgfiel, Lawena,
Malbun, Sass, Valüna) (Quelle: Gamswilderhebungen AWNL)

 

Quelle: Regierung des Fürstentums Liechtenstein (2011): Naturkundliche Forschung im Fürstentum Liechtenstein, Band 28