Ordnung Nagetiere (Rodentia)

Merkmale

Alle Nagetiere besitzen ein ausgesprochen typisches Gebiss. Die Eckzähne fehlen und von den Schneidezähnen sind im Ober- und Unterkiefer nur die beiden vordersten ausgebildet. Sie wachsen dauernd nach. Die Vorderseite der Nagezähne ist mit dickem Schmelz belegt. Durch das Nagen wird der weichere hintere Zahnteil stärker abgenutzt, so dass ständig eine scharfe Kante entsteht. Zwischen den Schneidezähnen und den breiten Backenzähnen besteht eine Lücke. Die Schneidezähne dienen zum Abbeissen, die Backenzähne zum Zermahlen der meist pflanzlichen Nahrung. Nager sind eher kleine Tiere mit einem Gewicht ab fünf Gramm und selten mehr als einem Kilogramm. Obwohl sich die einzelnen Arten an die verschiedensten Umweltbedingungen angepasst haben, ist der Körperbau vergleichsweise einheitlich.

Mit über 2000 Arten bilden die Nager weltweit die artenreichste Säugetierordnung. Sie sind mit Ausnahme der Antarktis und Neuseelands überall auf der Welt vertreten. Nagetiere besiedeln in den Alpen die Lebensräume aller Höhenstufen. Nagetiere leben auf, über und in der Erde. Ihre Fortbewegung ist sehr vielfältig. Sie können rennen, hüpfen, klettern, graben und auch schwimmen.


Biologie

Die Hauptnahrung der Nagetiere besteht aus Pflanzenmaterial. Viele Arten fressen in unterschiedlichem Ausmass auch wirbellose Tiere. Neben Samen und Früchten werden von vielen Arten auch grosse Mengen von Sprossteilen verzehrt. Im grossen Blinddarm wird die Pflanzennahrung mit Hilfe von Mikroorganismen abgebaut. Nur die Schlafmäuse  besitzen keinen Blinddarm. Nagetiere spielen in vielen Ökosystemen eine grosse Rolle. Arten wie etwa die Feldmaus sind wichtige Konsumenten 1. Ordnung. Sie setzen die im Prozess der Fotosynthese entstandene pflanzliche Biomasse in eigene Körpersubstanz um, die dann den Konsumenten 2. Ordnung, den Fleischfressern zur Verfügung steht. Nagetiere bilden eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele kleinere Raubtiere sowie für Greifvögel und Eulen. Viele Arten haben eine hohe Reproduktionsfähigkeit, da die Geschlechtsreife früh erreicht wird, die Würfe rasch aufeinander folgen und die Anzahl Junge pro Wurf hoch ist. Nagetiere sind für den Menschen von grosser Bedeutung, z.B. als Schädlinge in der Land- und Vorratswirtschaft, als Versuchstiere in der Forschung, als Heimtiere und seltener als Krankheitsüberträger.

 

Familien

Hörnchen (Sciuridae)

Die Familie umfasst die in Bezug Lebensweise so unterschiedliche Arten wie das Alpenmurmeltier, ein Steppenbewohner, und das Eichhörnchen, eine typische Waldart. Beide sind tagaktiv und darum sehr bekannt. Ihr gemeinsames Merkmal sind der lange, zylindrische Körper, der lange Schwanz und das ausgeprägte Sehvermögen. Im FL: 2 Arten


Biber (Castoridae)

Der Biber ist mit 10 bis 30 kg das grösste europäische Nagetier. Er ist hervorragend an das Leben im Wasser angepasst und besitzt Schwimmhäute an den Hintergliedmassen und einen Ruderschwanz. Der Biber ist ausgesprochen sozial und baut grosse Dämme und Burgen. Im FL: 1 Art


Schläfer (Gliridae)

Die kleinen bis mittelgrosssen Nagetiere besitzen einen buschigen Schwanz. Sie sind hauptsächlich Baumbewohner und machen einen Winterschlaf. Ihr typischer Lebensraum sind Wälder und Hecken. Im FL: 3 Arten


Langschwanzmäuse (Muridae)

Ihr auffälligstes Merkmal ist der lange, meist kaum behaarte Schwanz. Dieser ist eine Balancierhilfe beim Klettern. Sie besitzen grosse Augen und Ohren. Die Hintergliedmassen sind kräftiger ausgebildet als die Vordergliedmassen. Daher können sie sich hüpfend fortbewegen. Tagsüber halten sich die meisten Arten in unterirdischen Bodennestern auf. Nachts sie sind über dem Erdboden aktiv und klettern auch gerne. Sie sind vorwiegend Bewohner von Wäldern und Hecken. Im FL: 6 Arten


Wühlmäuse (Arvicolidae)

Die kleinen bis mittelgrossen Nagetiere sind dank ihrer gedrungenen Gestalt und ihrer kurzen Beinen gut an das Leben in unterirdischen Gängen angepasst. Augen und Ohren sind sehr klein. Der kurze Schwanz erreicht nie die Körperlänge. Wühlmäuse leben mehrheitlich im offenen Gelände, das heisst auf Wiesen, Weiden und Äckern. Hier legen sie ausgedehnte Baue und Wechsel an. Im FL: 6 Arten

Jürg Paul Müller

 

Biber
 Der Liechtensteiner Biber bei Ruggell.
(Foto: Xaver Roser)

 

 

Ordnung Hasenartige (Lagomorpha)

Merkmale

Die Hasenartigen sind mit rund 70 bis 80 Arten nahezu weltweit verbreitet. Ursprünglich gab es sie nicht in Australien, Neuseeland, Madagaskar und Südamerika. Die beiden in Liechtenstein lebenden Hasenarten gehören zur gleichen  Familie und zur gleichen Gattung. Der Schneehase besiedelt vor allem Gebiete an der oberen Waldgrenze und im Gebirge. Der Feldhase lebt, wie es sein Name sagt, vor allem in offenen Feldgebieten und steigt in halboffenen Waldlagen und Maiensässen bis an die untere Verbreitungsgrenze des Schneehasen auf. Die Erdhöhlen grabenden Kaninchen kommen in Liechtenstein nicht vor.

Das Gebiss ist demjenigen von Nagetieren ähnlich, weshalb die Hasen in der zoologischen Systematik auch lange Zeit in diese Ordnung eingeteilt waren. Die Hasen sind jedoch keine Nagetiere und bilden eine eigene Ordnung. Ein artspezifisches Merkmal der Hasen ist ein zweites Paar stiftartige Schneidezähne im Oberkiefer, die hinter den gut sichtbaren vorderen Schneidezähnen liegen und bei Nagetieren nicht Vorkommen. Die zwei langen Schneidezähne des Unterkiefers gelangen mit ihren Spitzen zwischen die zwei vorderen und die zwei dahinterliegenden Schneidezähne des Oberkiefers und werden dadurch laufend geschliffen. Dadurch bleiben sie scharf und eignen sich zum Abbeissen von zäher, zellulosereicher Pflanzennahrung, die dann von den Mahlzähnen im Backenkiefer zermahlen werden. Ein kurzer, buschiger Schwanz (die Blume), eine durch die Oberlippe verlaufende Sinnesgrube, auffällig lange Ohren und überlange Hinterläufe sind weitere äussere Hasenmerkmale. Als ausgesprochenes Fluchttier, versehen mit einem gut tarnenden Fell haben Feld- und Schneehasen eine hoch entwickelte Strategie der Feinderkennung und -vermeidung. Dies wird unterstützt durch die relativ weit aus dem Schädel hervorstehenden Augen, die ein Rundumgesichtsfeld von 360° ergeben. Bei Gefahr ducken sich Hasen mit an den Körper angelegten Ohren möglichst flach an die Erdoberfläche, starten im letzten Moment mit Hilfe der langen Hinterbeine blitzschnell zu einem rasanten Spurt und schlagen  spitzwinklige Haken um dem Feind zu entkommen. Im Gegensatz zum Kaninchen graben unsere Hasenarten keine Erdbaue.


Biologie

Hasen sind spezialisierte Pflanzenfresser mit riesigen Blinddärmen. Dort kann zellulosereiche Nahrung durch spezielle
Mikroorganismen effizient verdaut werden und nach Abgabe von kugelförmigen Kotpillen erneut gefressen und im Magen-Darm-System ein zweites Mal verdaut werden (Coecotrophie). Eine relativ grosse Anzahl von Jungen pro Jahr kann durch mehrere Würfe in der Regel den Verlust durch Feinde oder schlechte Witterung wettmachen. Häsinnen sind in der Lage eine zusätzliche Schwangerschaft zu beginnen, bevor die heranwachsenden Jungen im Mutterleib geboren sind (Superfötation). Die frisch geborenen Jungen sind fertig entwickelte Nestflüchter. Die Hasen sind die kleinsten Säugetiere unserer Breiten, die ohne schützenden Erdbau und ohne Winterschlaf das ganze Jahr über im Freien leben, wofür hoch entwickelte Anpassungen im Körperbau, bei der Ernährung und im Verhalten erforderlich sind. Betrachtet man die Spurenabdrücke, die Hasen z.B. im Schnee hinterlassen, so sieht man zwei Abdrücke von Füssen hintereinander liegend, und zwei weitere, die nebeneinander liegen. Die nebeneinanderliegenden Abdrücke stammen von den Hinterbeinen, die beim Aufsetzen die Vorderbeine überholen. Dadurch ergibt sich eine Körperhaltung beim Rennen, durch die die grosse Schnelligkeit und Reichweite zu erklären ist.


Familien

Hasen (Leporidae)

Auffallend lange Ohren und Hinterbeine, grosse körperliche Beweglichkeit und hochentwickelte Verdauungsorgane mit riesigen Blinddärmen sind wichtige Merkmale der arten reichen Familie der Hasen. In Asien und Nordamerika kommt eine weitere Familie der Hasenartigen vor, die Pfeifhasen. Deren Ohren und Beine sind deutlich kürzer. Im FL: 2 Arten

Michael Fasel

 

Feldhase
Feldhase (Foto: René Güttinger)

 

 

Quelle: Regierung des Fürstentums Liechtenstein (2011): Naturkundliche Forschung im Fürstentum Liechtenstein, Band 28